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„Das hat uns alle hart getroffen“, erinnert sich Stefan Joppich an den 6. Februar letzten Jahres, den Tag des Unfalls. Herr Joppich hat wie Tabeling Schlosser gelernt. Die beiden kennen sich seit den 1980er-Jahren. „Damals hieß der Arbeitgeber noch Pfanni“, sagt Joppich und weist in Richtung des verblichenen Logos am Werksturm. Nach der Übernahme des Werkes durch die Emsland Food GmbH entwickelte es sich zur wohl größten Kartoffelflockenfabrik der Welt weiter. Nun kommen jedes Jahr rund 400.000 Tonnen Kartoffeln hier an und verlassen das Werk als Halb- und Fertigwaren, beispielsweise für Chips oder Suppen. Dafür sorgen 120 Beschäftigte. „Wenn es mal läuft, muss es laufen“, heißt die Devise in dem Werk, das im Vier- Schicht-Betrieb produziert. Labore sorgen für die Qualitätssicherung und erfahrene Betriebsschlosser halten mit Wartung und Instandhaltung den Maschinenpark fit. Zu ihnen zählt Martin Tabeling. Joppich ist inzwischen als Werksleiter verantwortlich.

 

Kein Tag wie jeder andere

Der 6. Februar 2019 begann für Tabeling wie jeder Arbeitstag um 6 Uhr in der Werkstatt. Auf dem Arbeitsplan stand die Wartung des Walzenstuhls Nr. 2. Für Tabeling Routine. Was dann geschah, erklärt er vor Ort – eine kleine, helle Halle mit mehreren Walzenstühlen.

 

„Als ich die Anlage wieder anfahren ließ, lief sie nicht rund. Das hört man ja.“ Er zeigt auf die seitliche Abdeckung des mehr als zwei Meter hohen Walzenstuhls. „Ich habe das hier mit meinem Vierkantschlüssel geöffnet, um die Riemen und Spannrolle anzusehen.“ Was dann geschah, weiß er nicht. Filmriss. Im nächsten Moment, an den er sich erinnert, sah er seine zerquetschte linke Hand, rief um Hilfe. Ihm war kalt, Schmerzen spürte er keine.

 

Sein Gedanke: Mit der kannst du nicht mehr als Schlosser arbeiten. Kann er doch. Bereits sieben Monate später durchschreitet er wieder das Werkstor – zurück auf seinem alten Job. Sein erster Gang führt ihn hierher, zur Walze Nr. 2. „Das ist wie beim Reiten. Nach dem Sturz gleich wieder aufs Pferd.“

 

In den ersten Wochen der Wiedereingliederung nach dem Unfall arbeitet er noch keine 40 Stunden. „Diese Phase heißt in der Rehabilitation „Arbeits- und Belastungserprobung“, erklärt Matthias Wortmann, Tabelings Reha-Manager.

 

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Kontakt hatten die beiden bereits ein paar Tage nach dem Unfall telefonisch, später kam der BGN-Mitarbeiter ins Krankenhaus und stimmt seither mit Tabeling, den medizinischen Fachleuten und dem Arbeitgeber Emsland Food den Reha-Plan ab. Inzwischen ist Tabeling wieder voll im Einsatz. Dank einer Prothese kann er mit links greifen und drehen. Wo nötig, unterstützen ihn jüngere Kollegen – die Emsland Group ist ein Ausbildungsbetrieb.

 

Entscheidende Momente

Für Tabelings Chef Joppich war von Anfang an klar, dass er den Kollegen zurück im Betrieb haben will. „Mit deinem Fachwissen im Kopf gehst du mir nicht nach Hause“, sagte er bei einem Besuch im Krankenhaus kurz nach dem Unfall. Einige Kollegen waren auch schon dort gewesen – für Tabeling entscheidende Momente in den ersten Tagen nach dem Schock. Laut Wortmann ist es nach Unfällen meist die beste Lösung, wenn die Beschäftigten wieder in ihrem Betrieb arbeiten können, auch wenn sie nicht wie Tabeling die gleiche Aufgabe übernehmen können wie vorher.

„Das lief wirklich optimal“, bestätigt die für den Betrieb zuständige Aufsichtsperson der BGN, Manuel Gehrke. Der Präventionsexperte aus Hannover lobt die Ersthelfer und den Ablauf der Rettungskette: „Die drei Kollegen, die Tabeling direkt nach dem Unfall zur Hilfe eilten, haben alles richtig gemacht.“ Die Werksleitung hatte umgehend veranlasst, dass ein Hubschrauber auf dem Gelände landen konnte, und der Notarzt lies den Patienten in die Berufsgenossenschaftliche Unfallklinik nach Hamburg fliegen.

 

Dank einer umgehenden Unfallmeldung bei der BGN war auch Gehrke selbst zeitnah vor Ort, ebenso wie Polizei und Gewerbeaufsicht. „So konnten wir den Hergang rekonstruieren“, berichtet Gehrke. Ein Lappen, den Tabeling während der Sichtkontrolle in der Hand hielt, hatte sich wahrscheinlich in der Walze verfangen und die Hand blitzschnell hineingezogen. Ein weiterer Vorteil einer schnellen Unfallmeldung: Die BGN kann dafür sorgen, dass ein Unfallopfer in eine der spezialisierten Kliniken der gesetzlichen Unfallversicherung kommt. „Das sind oftmals lebenswichtige Entscheidungen“, betont der Präventionsexperte.

 

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Das passende Werkzeug

Die Hand war nicht mehr zu retten, wurde aber so amputiert, dass eine Prothese optimal angepasst und von Tabeling gesteuert werden kann. „Ohne die zweite Hand haut einem alles ab“, musste er zunächst zum Beispiel beim Broteschmieren feststellen. Umso erfreuter war er über den direkten Draht der Klinik zu einem Prothesenhersteller, der ihm verschiedene Modelle vorstellte. Die Wahl fiel auf ein Greifwerkzeug, das der Schlosser nach einigem Training geschickt nutzt. Einen weiteren „Ausgehaufsatz“, der wie eine Hand aussieht, trägt der Mann mit dem schmalen, weißen Schnauzer hingegen selten.

„Ich denke, mit meinem Anblick müssen die Leute umgehen können.“ Der Fall zeigt: Die Finanzierung der Nachsorge und Rehabilitation nach einem Arbeitsunfall folgt klaren Regeln. Aber sie kehren nicht alle Menschen über einen Kamm. Wortmann: „Zudem gibt es das „Persönliche Budget“ welches eine andere Form der Leistungserbringung ist und deren Verwendung wir individuell festlegen.

 

Das gibt uns den Spielraum, geeignete Teilhabeleistungen zu fördern, die den betroffenen Personen besonders wichtig sind.“ Im Fall Tabeling war es ein E-Bike mit tiefem Einstieg, das er trotz seiner Behinderung sicher fahren kann. Ein Hobby, das er wegen der Amputation nicht mehr ausüben kann, hatte Tabeling nicht. Das Motorradfahren hatte er bereits aufgegeben: „Zu gefährlich heutzutage.“

 

Im Gegensatz zu den ersten Momenten nach dem Unfall spürt der Schlosser heute Schmerzen. Und zwar in der Hand, die er nicht mehr hat. „Schließlich war sie ja 58 Jahre lang da“, sagt er fast entschuldigend. Gelegentlich nimmt er Tabletten.

Dank der Schmerztherapie, die zur Rehabilitation gehört, weiß er genau, wann er etwas braucht, und geht bewusst damit um. Eine andere Hilfe, das Gespräch mit einer psychologisch geschulten Kraft, hatte er zunächst abgelehnt. Inzwischen will er das Angebot einmal ausprobieren.

Nicht nur für das Opfer ist so ein Ereignis ein Schock. Deshalb gehörte zur Rettungskette ein Krisenstab, der den Beteiligten im Betrieb psychologische Unterstützung anbot sowie der Familie Tabeling die Unfallnachricht überbrachte.

„Das Gesprächsangebot besteht nach wie vor. In der Emsland Group gibt es eine Ärztin, die für alle ansprechbar ist“, erklärt Manfred Nienaber, die Fachkraft für Arbeitssicherheit des Werkes in Cloppenburg. „Der Unfall hat vor Augen geführt, wie wichtig Arbeitssicherheit ist.“

 

Erhöhte Aufmerksamkeit genutzt

Die Beteiligten nutzten die erhöhte Aufmerksamkeit der gesamten für ein Plus an Sicherheit. Zum Beispiel für Unterweisungen mit allen Beschäftigten, die im Unfallbereich tätig sind. Außerdem haben sie gemeinsam überlegt, welche weiteren Gefahrenpunkte bestehen. Als eine der ersten Schutzmaßnahmen wurde an der seitlichen Abdeckung der Walze ein Schloss befestigt. Die Schlüssel dazu erhalten ausschließlich unterwiesene Personen gegen Unterschrift. „Das ist vorbildlich“, lobt Gehrke die getroffenen Maßnahmen. Damit sich ein Fall wie Tabelings nicht wiederholt, gibt es zudem eine transparente Tür, die eingesetzt werden kann, wenn – wie bei dem Unfall – die laufende Mechanik überprüft werden soll.

 

Werksleiter Joppich bringt es auf den Punkt: „Nach dem Unfall ist es gut gelaufen. Wir wollen das Positive an der Sache sehen.“ Eins ist klar: Hätte Tabeling einen ähnlich schweren privaten Unfall mit dem Motorrad gehabt, wäre die Versorgung danach nicht so optimal gewesen wie als Versicherungsfall der Berufsgenossenschaft.